













































Es war eine ungewöhnliche Gemeinschaftsaktion: „never-ever-again“, mit der Neustädter Künstler und Sponsoren das Gebäude der früheren Buchhandlung Biermann ein letztes Mal gefeiert haben. Es soll abgerissen werden. Ungewöhnliche Aktion?
Eine „normale“ Ausstellung im Gebäude vor Publikum, mit Vernissage und Finisage, mit Worten, Schnittchen und Getränken war in Zeiten von Corona nicht vorstellbar. Die Lösung allerdings lag in der Architektur des Gebäudes, im Zuschnitt der Räume, den Sichtachsen durch die Schaufenster selbst in hinterste Ecken der früheren Buchhandlung.
Peglow hatte für diese Kunstaktion Kollegen eingeladen, darunter Patricia Chadde, Michael Hirsch, Bernd M. Langer, So Ah Yim und Cornelia Urban ein und entwickelte schließlich mit Urban zusammen das Ausstellungskonzept. Zentraler Gedanke: eine Zeitreise in die 1950er Jahre, in das Geburtsjahr der Buchhandlung "Biermann".
Was war das besondere an dieser Zeit – der Nachkriegszeit, der Zeit des Aufschwungs, des Neubeginns?
Eine Tanzszene entstand. Drehbewegungen in wechselnder Kleidung der damaligen Mode durch Licht in Szene gesetzt und untermalt von einer von Peglow zusammengestellten Klangcollage. So wandelt sich Sicht und Gefühl: vom beschwingt Aufmüpfigen ins Beengende. Stellvertretend für die Außenstehenden, für die durch die Schaufenster die Szene betrachtenden Zuschauer, steht am Rande des Geschehens ein auf den Tanz ausgerichteter Sessel mit Tischchen und Stehlampe. Auf ihm könnte jederzeit ein imaginärer Besucher, dem der Zutritt nun einmal leider verwehrt ist, Platz nehmen.
Durch diese Zeitreise führt ihn dann der Erzähler, Dirk von Werder.
Rüdiger Peglow erklärt die Inszenierung aus seiner Sicht: „Die früheren Schaufensternischen sind die Logenplätze für die kleine Show, die jedoch vom Außenraum nicht betreten werden kann. So nimmt der Besucher nur gedanklich in einer der beiden Logen Platz, um die 11-minütige „Zeitreise“ zu erleben. Er beginnt diese Reise in der Gegenwart und wird nach kurzer Zeit in die 50er Jahre zurückversetzt, als das Gebäude der Buchhandlung 1955 hier entstand. Erinnerungen an diese Zeit lassen Bilder von Tanzszenen in ihm aufleben. Wummernde Tiefbässe tragen den Besucher plötzlich durch einen Time Tunnel in ruhige traumartige Insel- und Sternenwelten. Doch die Ruhe trügt, denn aus der Finsternis nähert sich eine grünlich-blaue Erscheinung. Der Zeitreisende kann der unheilvollen Begegnung entfliehen, gelangt durch den Time Tunnel wieder zurück in die Gegenwart. Dort angekommen erinnert er sich an die Jahre zurück, als das Druckereigebäude Sicius abgerissen wurde. Mit Wehmut blickt er auch auf den jetzt kommenden Abriss der Buchhandlung. Dennoch schaut er hoffnungsvoll auf die Realisierung des neuen Neustädter Tores an dieser Stelle.
Die Show am und im Gebäude wurde erst durch mannigfaltige Unterstützung von Neustädter Handwerkern und Geldgebern wie der Pawlowski Kunst- und Kulturstiftung und den Stadtwerken. „Es wäre für Ingrid Pawlowski sicher eine Herzensangelegenheit gewesen, ein solches Projekt zu unterstützen“, sagt Stiftungsvorstand Willi Ostermann. Ingrid und Jacek Pawlowski hätten auch zu Lebzeiten einen guten Draht etwa zu Rüdiger Peglow, dem Initiator der Show, dem Maler Bernd M. Langer, aber auch zur Fotografin Patricia Chadde gehabt. „Wir sind froh, dass wir mit der Stiftung Kunst- und Kulturschaffende in unserer Stadt unterstützen können“, sagt Ostermann, die Aktion sein ein „beispielgebender Erfolg gewesen“.
Die einstige Buchhandlung weicht nach aktuellem Planungsstand einem „Tor zur Innenstadt“, umrahmt von Geschäfts-und Bürogebäuden. „Neustadt ist gespannt darauf. So ein Tor, das sollte schon einladend sein“, heißt es in einer der kurzen Textpassagen während der Show. Und Rüdiger Peglow lobt das Zusammenspiel mit Stiftung und Unternehmen. Renommierte Betriebe wie Fahlke und Dettmer (Lichttechnik), Strecker (Tischlerei), Neubert (Werbung) und Meineke (Raumdecor) hätten mit großzügiger Hilfe bei Raumgestaltung und Technik die Aktion überhaupt erst ermöglicht. Peglow hofft auf nachhaltigen Erfolg: „Innenstädte müssen sich anpassen. Wir brauchen eine höhere Aufenthaltsqualität mit neuen Möglichkeiten, sich zu treffen.“ Die kleine Show habe entsprechend Anreiz zum Nachdenken geben sollen, Plätze und Räume zu erhalten oder neu zu schaffen, die dem „Treffen“ dienen könnten.
Cornelia Urban Konzept, Figur, Tanzszene, Innenraumgestaltung
Rüdiger Peglow Initiator, Konzept, Klang-und Lichtinstallation, Innenraumgestaltung
Bernd Langer Malerei Inselwelten, Skulptur, Innenraumgestaltung
Michael Hirsch Fotografien Sternenwelten
Christian Fahlke Licht-und Beleuchtungsrealisierung
Malte Stalder Tonproduktion
Dirk von Werder Sprecher
Dirk von Werder , Patricia Chadde Dokumentation
Hans-Erich Hergt Fotografien (Museumsverein Neustädter Land e.V.)
Dieter Buuck Fotografie Sicius
Sponsoren
ideenstadtwerke
Pawlowski Kunst-und Kulturstiftung
Fahlke&Dettmer Licht in der Architektur
Strecker Bau-und Möbeltischlerei
Neubert Werbung
Meineke malerbetrieb+raumdecor













































